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Zusammenfassender Vergleich der länderspezifischen Rahmenbedingungen der Wissenschaftlichen Weiterbildung im dritten Lebensalter in Europa

Einleitung und Hintergründe

In allen Ländern Europas nimmt der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung ständig zu, das Erscheinungsbild der Älteren, ihr Erfahrungshintergrund, ihre Interessen und Aktivitäten haben sich deutlich geändert, ihre Lebenssituationen und Lebensperspektiven sind vielfältiger geworden. Es gibt europaweit eine zunehmende Zahl älterer Menschen, die bereit sind, sich weiterzubilden, sie verfügen meist über eine große Lebens- und Berufserfahrung und sind auf der Suche nach neuen, sinnstiftenden Aufgaben. Das Potential an Kompetenz, Produktivität und Kreativität, das sie einbringen, ist bei vielen verbunden mit einem in ihrem Lebenslauf erworbenen pragmatischen Realismus, der Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklungen im Spiegel der eigenen Erfahrungen zu betrachten, und der Suche nach einer ganzheitlichen Betrachtungsweise.

Die Debatte um die Notwendigkeit und den Bedarf wissenschaftsorientierter Weiterbildung für ältere Menschen wurde nachhaltig angeregt durch Prof. Pierre Vellas an der Universität Toulouse. Er rief 1972 zur Gründung von "Universitäten des Dritten Lebensalters" (Universitiés du troisième Âge, kurz: UTAs) auf, und die erste UTA wurde 1973 in Toulouse ins Leben gerufen.

Die Aufgaben der UTAs sah Vellas in drei Bereichen (vgl. Vellas 1997):

  1. in der ständigen Weiterbildung älterer Menschen als Beitrag zum Erhalt und der Verbesserung der "santé publique" ("öffentliche Gesundheit"), sozusagen als gerontologische Prävention,
  2. in der Aus- und Fortbildung der im Gesundheitsdienst, im Sozialdienst, in öffentlichen und privaten Institutionen mit Altersfragen Beschäftigten,
  3. in der Erforschung medizinischer, wirtschaftlicher, juristischer, psychologischer und sozialer Probleme des Alters.

Im Anschluß daran gründeten sich schnell andere UTAs: z.B. in der Schweiz (ab 1975), in Polen (ab 1975). Schon im Herbst 1978 "gab es bereits etwa 100 Einrichtungen mit dem Namen Universitäten des dritten Alters oder unter ähnlichen Bezeichnungen" (vgl. Fülgraff 1980, S. 347) und in der Folge wurden zahlreiche andere in verschiedenen - v.a. romanischen - Ländern gegründet. Es ist nicht überraschend, daß die Entwicklung der UTAs in Frankreich begann und v.a. in den Ländern Wirkung hatte, wo es keine Volkshochschulen oder vergleichbare Institutionen gab, die sich um Erwachsenenbildung speziell im dritten Lebensalter bemüht hätten (vgl. Rosenmayr 1980, S. 342).

In einer Reihe anderer Länder wurden die Aufgaben der UTA's z.T. schon durch Institutionen der Erwachsenenbildung wahrgenommen, z.B. in Deutschland durch die Volkshochschulen, in Dänemark durch die sog. Pensionistenhochschulen, in Großbritannien durch die extramuralen Abteilungen der Hochschulen (vgl. Fülgraff 1980, S. 347f). Doch auch in diesen Ländern wuchs das Interesse und der bildungspolitische Wunsch bezüglich einer Verbindung von Altenbildung und Hochschule.

Unabhängig von den jeweiligen inhaltlich-curricularen oder institutionell-organisatorischen Besonderheiten der Modelle waren Begründung und Zielsetzung der Angebote von Anfang an ähnlich gelagert:
  • Älteren Erwachsenen soll eine spezifische wissenschaftliche Weiterbildung ermöglicht werden.
  • Informations- und Begegnungsdefizite zwischen der jüngeren Generation und Älteren sollen durch die Konstruktion gemeinsamer Studienmöglichkeiten so verändert werden, daß eine intergenerationelle Orientierung entsteht.
  • Den älteren Menschen soll eine Neuorganisation ihrer Identität in dem neuen sozialen Raum Universität ermöglicht und die ausbildungsbedingten Startschwierigkeiten erleichtert werden, in jedem Fall soll also eine konstruktive Orientierungshilfe geboten werden.
  • Die Kompetenz der älteren Studierenden soll der Gesellschaft zugute kommen.
  • Die Alterswissenschaft soll Anstöße bekommen." (Arnold 1988, S. 5ff).

Der nun vorliegende Vergleich der wissenschaftsorientierten Weiterbildungsangeboten für ältere Menschen in verschiedenen Ländern Ost- und Westeuropas stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Rahmenbedingungen und in der NutzerInnenstruktur dar. Er soll auch die jeweilige Eingebundenheit der Weiterbildungsmöglichkeiten in gesellschaftliche, kulturelle, bildungspolitische und institutionelle Strukturen und Rahmenbedingungen verdeutlichen.