Maria Zettler



"Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe." (1929)

Zettler

1885 - 1950


 Kurzbiografie


Maria Zettler wird am 13. November 1885 als siebtes von zehn Kindern eines Chamottefabrikanten in Mering bei Augsburg geboren. Nach dem Besuch der Volksschule ist sie von September 1898 bis Juli 1901 Schülerin im "Erziehungsinstitut der Englischen Fräulein" in München-Pasing. Anschließend kehrt sie in ihr Elternhaus zurück und unterstützt - wie zur damaligen Zeit üblich - als Haustochter die Mutter im Haushalt und den Vater im Büro des Familienbetriebs. Auf Anraten von Ellen Ammann nimmt Maria Zettler im Juni 1911 an einem zweimonatigen "volkswirtschaftlichen Weiterbildungslehrgang" des "Volksvereins für das katholische Deutschland" in Mönchengladbach teil. Der Kurs beschäftigt sich unter anderem mit Fragen der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Situation der Frau aus katholischer Sicht. Ab Oktober 1911 besucht Zettler die Kurse der von Ellen Ammann 1909 ins Leben gerufenen sozial-caritativen Frauenschule in München. Hier erhält sie das notwendige Rüstzeug für ihr späteres berufliches und politisches Engagement. Nach der Gründung des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes im Dezember 1911 wird Maria Zettler ab 1. Januar 1912 als hauptamtliche Landessekretärin eingestellt und übernimmt damit die Aufgaben der Geschäftsführung. Als enge Mitarbeiterin von Ellen Ammann wird sie eine der wichtigsten Persönlichkeiten der katholischen Frauenbewegung in Bayern.

Neben der arbeitsintensiven und verantwortungsvollen Position der Landessekretärin ist Maria Zettler ab 1916 im Schulvorstand der sozial-caritativen Frauenschule des Katholischen Frauenbundes vertreten. Die berufliche Zukunft der Absolventinnen dieser Schule liegt ihr sehr am Herzen: "Helfen wir unseren ... Sozialbeamtinnen, Entwicklungsraum, Arbeitsgebiete und eine gesicherte sozialwirtschaftliche Stellung zu verschaffen." Um den Beruf der Sozialbeamtin gesellschaftlich aufzuwerten, beteiligt sich Maria Zettler am 11. November 1916 in Köln an der Gründung des "Vereins katholischer Sozialbeamtinnen Deutschlands", der ersten Berufsorganisation katholischer Wohlfahrtspflegerinnen. Erste Vorsitzende wird Helene Weber; Maria Zettler wird in den Zentralvorstand gewählt. Helene Weber schreibt 1950 über ihre erste Begegnung mit Maria Zettler: "Ich lernte Maria Zettler 1916 kennen: jung, von lieblicher Schönheit, klar und zielsicher. Sie sprach über Frauenbewegung und sozialpolitische Fragen, als ob sie jahrelang studiert hätte." Die Lebenswege von Maria Zettler und Helene Weber kreuzen sich Anfang 1919 erneut, als beide in die Verfassunggebende Weimarer Nationalversammlung gewählt werden. Frauen erhalten am 12. November 1918 im Deutschen Reich im Zuge der Novemberrevolution das aktive und passive Wahlrecht. Nachdem die Wahlen zur Nationalversammlung bereits am 19. Januar 1919 stattfinden, stehen die Parteien vor dem Problem, "auf die Schnelle" geeignete Frauen als Kandidatinnen zu finden. Da zwischen dem christlich-katholischen Zentrum (in Bayern "Bayerische Volkspartei") und dem Katholischen Frauenbund weitgehende programmatische Übereinstimmung besteht, kandidieren Frauen aus dem Kreis des Katholischen Frauenbundes auf dieser Liste. Neben Maria Zettler sitzen fünf weitere führende Vertreterinnen der katholischen Frauenbewegung als Abgeordnete der Zentrumspartei in der Nationalversammlung: Hedwig Dransfeld, Agnes Neuhaus, Maria Schmitz, Christine Teusch und Helene Weber. Im Oktober 1919 hält Maria Zettler ihre erste Rede, in der sie eine stärkere öffentliche Anerkennung und Förderung der Jugendpflege fordert. Außerdem plädiert sie für schärfere Jugendschutzgesetze: "Unsere deutsche Jugend ... ist einem solchen Meer von Schmutz und Schund in Schrift und in bildlichen Darstellungen ausgesetzt, daß sie in ihrer großen Mehrheit darin unterzugehen droht, wenn nicht schleunige Abhilfe geschaffen wird." Ein weiterer Interessenschwerpunkt ihrer parlamentarischen Arbeit gilt der volkswirtschaftlichen Bedeutung der Hausfrau und der berufstätigen Frau. 1929 schreibt sie rückblickend über ihre Zeit als Abgeordnete:

"Sehr stolzer Art waren die Gefühle nicht, mit denen man in Weimar als Mitglied der 'Verfassungsgebenden Nationalversammlung' einzog. Von den Dächern rings um das Theater starrten Maschinengewehre ... Freilich die aufregende Revolutionswahlzeit hatte einen etwas abgestumpft gegen Schußwaffen ... Rückschauend scheint es mir, daß es vor allem zu erfassen galt: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Aufgabe. Die Nationalversammlung war ja eigentlich heimatlos. Weimar, Stuttgart, Universität Berlin, dann wieder Weimar und endlich dann das Reichstagsgebäude in Berlin, immer noch unter militärischer Bewachung. Nichts drückt deutlicher aus, unter welch erschwerenden Umständen Frauen in die Volksvertretung einrückten."

Maria Zettler bleibt während der Zeit als Abgeordnete Landessekretärin des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Außerdem behält sie die Redaktion der neu gegründeten Mitgliederzeitschrift des Landesverbandes, des "Bayerischen Frauenlandes", die sie Ende 1918 übernommen hat, bei. Bis Mitte 1920 wird die Zeitschrift zum Teil direkt vom Sitz der Nationalversammlung in Weimar aus redigiert. Kein Wunder, dass sozialpolitische Kommentare und Berichte über die Wahlen bzw. die politische Situation im Land die Ausgaben des Jahres 1919 bestimmen. Aus gesundheitlichen Gründen stellt sich Maria Zettler bei der Neuwahl des Reichstags im Juni 1920 nicht mehr für eine Kandidatur zur Verfügung. Statt dessen widmet sie sich wieder mit voller Kraft ihrer Arbeit für den Katholischen Deutschen Frauenbund. Während der NS-Diktatur verhält sich Maria Zettler zurückhaltend. Als ehemalige Reichstagsabgeordnete und aktive Katholikin ist sie dem antiklerikalen Hitler-Regime ein Dorn im Auge. Die Arbeitsbedingungen für die hauptamtlichen Mitarbeiterinnen des Katholischen Deutschen Frauenbundes sind in der NS-Zeit äußerst schwierig. Bei Tagungen ist immer ein Polizist dabei, die Post wird überwacht etc. Nachdem außerhalb der Kirche keine Treffen mehr stattfinden dürfen, rät Maria Zettler 1938 ihren Mitstreiterinnen: "Statt der außerkirchlichen Versammlung kann auch in der Kirche manchmal eine Andacht oder ein Vortrag stattfinden, wobei das gleiche Thema verwendet werden kann." In ihren Artikeln in der Zeitschrift "Bayerisches Frauenland" konzentriert sich Zettler auf religiöse Inhalte und meidet politische bzw. zeitgeschichtlich aktuelle Themen, um das Weitererscheinen des Blattes nicht zu gefährden. Einige Jahre gelingt ihr dies; in der Juni-Ausgabe 1941 muss sie den Leserinnen allerdings das Ende des "Bayerischen Frauenlandes" mitteilen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erledigt Maria Zettler einen Teil ihrer Arbeit als Landessekretärin von ihrem Geburtsort Mering aus, wo sie bei Verwandten Unterkunft findet, nachdem sie in München zweimal ausgebombt wurde. Neben der Reorganisation des Katholischen Frauenbundes in Bayern kümmert sie sich in diesen Jahren vor allem um die Not und das Elend der unzähligen Flüchtlingsfrauen und -mädchen, die unter katastrophalen Bedingungen in Notunterkünften untergebracht sind. Ab Januar 1949 veröffentlicht der Bayerische Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes in der Zeitschrift "Die Katholische Frau" das vierseitige Beiblatt "Frauen an der Arbeit. Nachrichten aus dem Katholischen Deutschen Frauenbund". Redakteurin wird erneut Maria Zettler.

Die letzten Lebensmonate sind geprägt von ihrer schweren Krankheit, einem äußerst schmerzhaften Gelenkrheumatismus. Am 6. Februar 1950 stirbt Maria Zettler in Mering. Ihre langjährige Wegbegleiterin Helene Weber bezeichnet sie in einem Nachruf als "Seele der katholischen Frauenbewegung in Bayern".

Verfasst von:
Dr. Gerlinde Wosgien, Archiv des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes, München



 Quellen und Literatur


Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes (Hrsg.): Neun Jahrzehnte starke Frauen in Bayern und der Pfalz. Chronik des Bayerischen Landesverbandes es Katholischen Deutschen Frauenbundes. München 2001. Zu bestellen bei: Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Schraudolphstr. 1, 80799 München. E-Mail: info@frauenbund-bayern.de


 Links

http://www.bautz.de/bbkl/z/zettler_m.shtml

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