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"Im neuen Staat, der deutschen
Republik, ist die Frau wenigstens soweit aus früherer Rechtlosigkeit
befreit, daß sie durch die Sozialdemokratische Partei das Recht zu
wählen bekam.
Und wir Frauen sind die
Mehrheit in dem deutschen Volke. Auf uns kommt es darum an.
Ihr Frauen und Mädchen
habt den Mut zum Neuen, habt den Mut zum Glück."
Tony Sender 1928
Geboren am 29. November 1888
in Biebrich am Rhein
Gestorben am 26. Juni 1964
in New York
| Geschichtlicher Hintergrund |
Die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands zwischen 1900 und 1933
Nach dem Fall des Sozialistengesetzes
war die Sozialdemokratie zu einem immer größeren Machtfaktor
geworden. Spürbare Verbesserungen der Arbeits- und Lebensbedingungen
konnten durchgesetzt werden. Die SPD hatte 1912 einen Stimmenanteil von
35 % und schickte 110 Abgeordnete in den Reichstag. Aus der orthodox-marxistischen
Partei war eine pragmatisch orientierte Reformpartei geworden, deren Reichstagsfraktion
im August 1914 für die Bewilligung der Kriegskredite stimmte.
Die radikalen Linken um
Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht trennten sich von der Mehrheitspartei.
1916 kam es zur Gründung der Kommunistischen Partei und 1917 zur
Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Letztere
wollten nicht von Moskau aus gelenkt werden.
Nach dem Krieg gehörte
die SPD zu den etablierten Parteien, die uneingeschränkt und geschlossen
eine parlamentarische Demokratie wollten.
Der erste Reichskanzler
war der Sozialdemokrat Friedrich Ebert.
Bei den Wahlen zur Nationalversammlung
1919 erhielt die Partei 37,9% der Stimmen.
1920 erreichte die Partei
nur knapp 30% der Stimmen. Die Unterschrift unter den Versailler Friedensvertrag
hatte dazu geführt, die Sozialdemokratie und das Zentrum als "Erfüllungspolitiker"
zu bezeichnen. Auch Tony Sender hielt den Friedensvertrag als eine
überzogene Bestrafung der Deutschen durch die Alliierten.
1928 bildete der Sozialdemokrat
Müller mit der Deutschen Volkspartei eine große Koalition. Das
Kabinett Müller trat bereits 1930 zurück. Die SPD-Fraktion jedoch
geriet in Widerspruch zur Anhängerschaft der Partei. 1932 unterstützte
sogar die SPD einen Wahlaufruf für Hindenburg in der Meinung, damit
gegen Hitler zu votieren. Tatsächlich aber konnten sich aktive außerparlamentarische
Gegner mit ihrem Widerstand gegen den Nationalsozialismus , wie Julius
Leber und Kurt Schumacher, nicht gegen die Parteiführung durchsetzen.
Erst bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz im März
1933 stimmten die SPD-Abgeordneten als einzige Partei diesem nicht zu.
Im Grunde aber hatte die Mehrheit der Partei das "Wesen des Nationalsozialismus
in seiner Gefährlichkeit kaum erkannt".
Am 14. Juli 1933 wurde
die SPD verboten und bis 1945 in die Illegalität gedrängt.
Quelle:
Hofmann, Robert Geschichte
der deutschen Parteien. München 1993
Tony Sender ist die
dritte Tochter des Kaufmanns Moritz Sender und seiner Frau Marie. Nach
Aussage der Tochter sind die Eltern streng gläubig orthodoxe Juden.
Nach Abschluß der
höheren Töchterschule, verläßt sie mit 13 Jahren das
Elternhaus und geht nach Frankfurt am Main, wo sie die private Handelsschule
für Mädchen besucht.
Noch nicht sechzehnjährig
arbeitet sie als Bürogehilfin und wird Mitglied der Büroangestelltengewerkschaft.
Sie ist eifrig bemüht
sich weiterzubilden. Sie besucht Kurse in der Abendschule und hört
literarische und politische Vorträge. Für das Studium der Nationalökonomie
verweigert ihr der Vater die damals notwendige Zustimmung.
Sie nimmt an Demonstrationen
für das allgemeine Wahlrecht teil und erfährt den Widerstand
der Frankfurter Polizei. 1910 wird sie Mitglied der Sozialdemokratischen
Partei.
Im gleichen Jahr tritt sie
eine Stelle im Pariser Büro einer Frankfurter Metallhandelsfirma an
und wird nach der Probezeit fest angestellt.
Sie sucht den Kontakt zu
den französischen Sozialisten und ist fasziniert von Jean Jaures.
Sie wird zweite Vorsitzende eines Pariser Parteibezirks und macht Erfahrungen
mit demokratisch verfaßten Organisationen.
Gemeinsam mit einigen anderen
Frauen gründet sie eine Frauengruppe. Ihre Absicht ist, die ökonomisch
abhängigen Ehefrauen aufzufordern, sich von ihrer politischen und
sozialen Diskriminierung zu befreien. Sie ist der Überzeugung, daß
ohne die Mitarbeit der Frauen keine tiefgreifenden sozialen Umwälzungen
bewirkt werden können.
Tony Sender ist keine Frauenrechtlerin.
Sie ist die Frau, die selber aktiv und
unabhängig vom Mann,
innerhalb und mit Hilfe der Partei die Welt verändern will.
Sie tritt im französischen
Wahlkampf auf öffentlichen Veranstaltungen auf und ruft zum Engagement
für internationale Abrüstung und Völkerverständigung
auf.
Die Ermordung Jean Jaures'
und der Kriegsausbruch beenden ihren Aufenthalt in Frankreich.
Sie kehrt zurück nach
Frankfurt, wo sie den Kontakt zu Teilnehmern der deutschen Friedensdemonstrationen
sucht. Die SPD hatte sie aus Protest gegen deren Zustimmung zu den Kriegskrediten
verlassen. Einer, der nicht zugestimmt hatte, war Robert Dissmann, mit
dem sie sich verbunden fühlte.
Im März 1915 nimmt
sie in Amsterdam an der von Clara Zetkin organisierten internationalen Frauenkonferenz,
dem ersten internationalen Kongreß gegen den Krieg, teil.
Tony Sender will mit Hilfe
der Frauen eine Kriegsopposition in Deutschland gründen, aber sie
scheitert.
Nach dem Krieg arbeitet
sie an der Spitze der Frankfurter Arbeiterrätebewegung. Sie übernimmt
die Redaktion der Tageszeitung "Volksrecht" und einer Frauenzeitschrift.
In einem ihrer Artikel fordert sie "Gleiche Bezahlung für gleiche
Arbeit".
1920 wird sie Abgeordnete
der Frankfurter Stadtverordnentenversammlung und wird für die SPD
in den Reichstag gewählt. Sie arbeitet in den Ausschüssen für
Außen- und Wirtschaftspolitik. Sie gilt als glänzende Rednerin,
die sich nicht durch Zwischenrufe beirren läßt.
Eine schwere Tuberkulose
zwingt sie zu einen fast einjährigen Aufenthalt in der Schweiz und
zu einer Pause in ihrer politischen Arbeit.
Bei den Wahlen von 1924
erringt sie das Mandat des Wahlkreises Dresden-Bautzen, für den sie
bis 1933 im Reichstag sitzt.
Am 5. März 1933 verläßt
sie Deutschland. Nach Aufenthalten in der Tschechoslowakei und Belgien
geht sie 1935 ins amerikanische Exil. Sie hatte bereits in den zwanziger
Jahren zwei Mal die USA bereist und dort Vorträge gehalten. Hier kann sie
mit ihrer journalistischen und politischen Arbeit fortfahren. Sie beteiligt
sich am Aufruf zu einer "demokratischen Volksfront" gegen Faschismus und
Krieg.
1943 wird sie amerikanische
Staatsbürgerin.
Noch während des Kriegs
(1944) ist sie Wirtschaftsspezialistin bei der United Nations Relief
and Rehabilitation Administration.
Als Vertreterin des Amerikanischen
Gewerkschaftsbundes reist sie 1947 nach Genf. Anläßlich dieser
Reise besucht sie auch die deutschen Westzonen. Die Sozialdemokraten sehen
in ihr die "Amerikanerin" nicht die Antifaschistin. In Frankfurt aber gilt
sie als "berufener Vertreter demokratischen Ideale".
Ab 1950 ist sie bei der
American
Federation of Labor (AFL), die als Non-Governmental Organisation (NGO)
bei der UN zugelassen ist. Sie engagiert sich u.a. in der Menschenrechtskommission
und der Kommission zur Rechtsstellung der Frau.
Da in den Gewerkschaften
die Männer noch immer Vorurteile gegen die Gleichbehandlung von Frauen
und Männern haben, appelliert sie an die Frauen sich so zu engagieren
wie die Frauen der Generation, die "mit unerschrockenem Mut für das
Wahlrecht gekämpft" hatten.
1952 erkrankt sie, arbeitet
aber noch bis 1956 bei der AFL.
Sie stirbt fünfundsiebzigjährig
nach einem Schlaganfall am 26. Juni 1964 in New York.
Seit 1992 verleiht die Stadt
Frankfurt im zweijährigen Turnus den "Tony Sender Preis". Damit
fördert sie "hervorragende innovative Leistungen, die der Verwirklichung
der Gleichberechtigung der Geschlechter dienen und der Diskriminierung
von Frauen entgegenwirken."
Primärliteratur:Toni Sender Autobiographie
einer deutschen Rebellin. (Hg) Gisela Brinker-Gabler. Frankfurt M. 1981
Sekundärliteratur:
Tony Sender 1888-1964 Rebellin,
Demokratin,Weltbürgerin. Historisches Museum Frankfurt am Main 1992
Tony Sender 100 Jahre. Ausstellung
Stadtbibliothek Wiesbaden-Biebrich 1988. (Hg) Referat Frauenbeauftragte
der Landeshauptstadt Wiesbaden
Tony-Sender-Preis 1992. Stadt
Frankfurt am Main
Tony-Sender-Preis 1994. Verleihung
an Frau Hanna Lambrette. Frankfurt M 1995
Tony-Sender-Preis 1997. Verleihung
an Frau Linda Ressel. Frankfurt M. 1997
Tony-Sender-Preis 1999 Der
Stadt Frankfurt am Main
Bild: www.uni-ulm.de
Text: Erdmute
Dietmann-Beckert 2000

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