15.09.1879 - 02.06.1960
Lernen, lachen, lieben, leben
"Give children a valuable life through good education and good example in a world of peace.."
Anna Essinger stammt aus einer nicht praktizierenden jüdischen Familie
und wurde in Ulm als erstes Kind von Leopold Essinger und Fanny Oppenheimer
geboren. Sie wächst mit weiteren 9 Geschwistern in Ulm auf und geht dort in die Schule.
1899 kommt ihre Tante Regina Salzgitter, die älteste Schwester ihres Vaters
aus den USA nach Ulm, als der Großvater im Sterben liegt. Anna geht mit dieser
Tante in die USA, nach Nashville/Tennessee. Sie interessiert sich für Pädagogik,
besucht ein Teacher's College und studiert ab 1913, d.h. mit 34 Jahren, Germanistik
an der Universität von Madison, Wisconsin. Nach ihrer Masterprüfung
erhält sie dort einen Lehrauftrag für Deutsch und leitet das German House,
ein Wohnheim für Studentinnen.
Nach ihrer Rückkehr 1919 arbeitet sie in der Frauen- und Jugendausbildung,
gründet 1926 das Landschulheim in Herrlingen bei Ulm,
weicht 1933 nach England aus, mit der Neugründung "New Herrlingen",
die sie bis 1948 leitet. Dann zieht sie sich, fast erblindet durch
ein ererbtes Augenleiden, aus dem aktiven Schulbetrieb zurück. Sie stirbt,
fast 81-jährig, am 2. Juni 1960.
Ihr Wirken in schwieriger Zeit:
Während ihrer Ausbildung in den USA freundet sie sich mit Quäkern an.
Daraus ergibt sich 1919 der Auftrag, in dem nach dem 1. Weltkrieg
Hungernden in Süddeutschland eine Kinderspeisung zu organisieren.
Sie ist das Verbindungsglied zwischen den Quäkern und den Regierungen
von Baden/Württemberg und Bayern. Im Auftrag des Stuttgarter Landesamtes
beginnt sie auch mit dem Aufbau einer Weiterbildung für arbeitende Frauen,
möchte sich aber in erster Linie Kindern widmen. Zwei ihrer Schwestern,
Klara und Paula hatten bereits 1912 in Herrlingen ein Heim für schwache Kinder
geschaffen und so gründet Anna Essinger dann dort ein Landschulheim,
das nach den Ideen von Maria Montessori geführt werden soll.
Die Schule wird am 1. Mai 1926 eröffnet in Anwesenheit von Dr. Theodor Heuss,
von Otto Hirsch und den Bürgermeistern von Ulm und Göppingen.
Die Schulung des Körpers durch Sport, die Ausbildung in praktischen
Arbeiten, religiöse Toleranz, Fremdsprachen, Musik und Theaterspiel
waren neben der sonstigen geistigen Bildung Grundpfeiler dieser Erziehung,
wobei der Lehrplan für Jungen und Mädchen derselbe war. Es gab keine
Noten und Abschreiben oder Mogeln war unehrenhaft. Drei von Annas Schwestern,
Kläre, Paula und Bertha bringen ihre Erfahrung mit schwierigen Kindern
in die Erziehung der Schüler mit ein. Unter den Schülern sind viele Kinder
von Eltern, die beruflich meist unterwegs sind (Künstler, Diplomaten, Politiker),
davon zunächst etwa ein Drittel jüdische Kinder.
Die Schule umfasst eine Grundschule und ein Reform-Realgymnasium und untersteht
dem württembergischen Kultusministerium. 1933 stehen die ersten Schüler vor ihrer
Abiturprüfung, können sie aber wegen der Machtergreifung Hitlers am 30.Januar 1933
nicht mehr dort ablegen.
Als ihr nach der Machtergreifung durch die nationalsozialistische Partei
ein staatlicher Kommissar vorgesetzt werden soll, macht sich Anna Essinger
in der Schweiz, in Holland und schließlich in England auf die Suche
nach einer neuen Schulstätte. Mit Hilfe der Quäker kann sie in Südengland
(Bunce Court in Kent) 1933 ein neues Heim gründen und mit 65 Schülern
das Haus "New Herrlingen" eröffnen. Die Umsiedlung ist getarnt durch
die Sommerferien , am 6. Oktober 1933 beginnt mit 65 Kindern der erste
Unterricht in "New Herrlingen". Das Landschulheim in Herrlingen
bei Ulm übergibt sie an Hugo Rosenthal, der dort die aus den Staatsschulen
vertriebenen jüdischen Schüler aufnimmt, bis zur Schließung 1939.
Das pädagogische Konzept der ersten Schule, in der z.B. Englisch und
Französisch auch bei Tisch gesprochen wurde, wird in England um mehrere Sprachen,
u.a. Hebräisch, erweitert. Auch englische Lehrer und Schüler arbeiten dort.
Der Schulabschluss ist anerkannt und berechtigt zum Studium in England.
Mehr und mehr jüdische Eltern schickten ihre Kinder zu Anna Essinger.
Nach der Reichskristallnacht 1938 nahm England jüdische Kinder aus Deutschland
(ohne ihre Eltern) auf. Anna Essinger richtete Auffanglager ein und brachte
die Kinder in englischen Familien unter. Bis 1943 fanden insgesamt 500 Kinder
bei ihr Zuflucht und 1945 nahm sie dann aus Konzentrationslagern befreite Kinder
in Bunce Court auf. 1948, fast 70-jährig, gab Anna Essinger die Schule dort auf,
hielt aber immer noch engen Kontakt mit den Ehemaligen, bis zu ihrem Tod im Juni 1960.
Das Schullandheim Herrlingen wurde nach seiner Schließung 1939 ein jüdisches
Altersheim welches bis 1942 bestand.
Im Oktober 1989 wählten die Realschule und das Gymnasium des Bildungszentrums
auf dem Kuhberg in Ulm (sog. Ulmer Modell), Anna Essinger als Namensgeberin
und Wegweiserin: Toleranz üben, Demokratie leben.
In äußerst schwieriger Zeit hat Anna Essinger Emanzipation im besten Sinne
gezeigt und den Mut bewiesen, Dinge zu bewegen unter dem Zeichen der Menschlichkeit.
Text: Adelinde Trautner 2006
125 Jahre Anna Essinger;
Jubiläumschrift der Anna Essinger Schulen Ulm; Redaktion Claudia Kaltenbach
S.Giebeler/A. Holtz/P.Wilhelm/A.Schmidt/S.Trachsler-Lehmann:
Profile jüdischer Pädagoginnen und Pädagogen
(Heft 3, ed. Haus unterm Regenbogen, Verlag Klemm &Oelschläger, Ulm 2000)
Susanne Trachsler-Lehmann:"...ich bin gesund und kann gut rechnen"
Briefe einer Schülerin aus dem Landschulheim Anna Essinger (Heft 5, ed. Haus unterm Regenbogen, Ulm 2001
(Texte und Bildmaterial aus dem Archiv des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg/Ulm)
Bild: www.aer.schule.ulm.de/ essinger.jpg
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