CARMEN DIEZ DE RIVERA E ICAZA



geb. 29. 8. 1942 gest. 29.11.1999


 Kurzbiografie

Dies ist das faszinierende Leben einer außergewöhnlichen Frau, die sich trotz ihrer leidvollen Geschichte über alle Widrigkeiten hinwegsetzen konnte, da sie als Beispiel einer intelligenten Frau, Pionierin war im politischen Amt, das sie versah, in dem sie beim spanischen Übergang zur Demokratie ein entscheidendes und einflussreiches Auftreten hatte. Sie brachte sich in Gefahr mit ihren links gerichteten Ideen und war mutig nicht nur in der Politik sondern auch im Leben und trotzte ihrer Krankheit mit der gleichen Standhaftigkeit wie sie lebte.

Ich lernte diese unglaubliche Frau im Gymnasium kennen, wo wir Schulkameradinnen waren. Sie war ein sehr hübsches blondes Mädchen mit wunderschönen blauen Augen und erregte immer Aufmerksamkeit durch ihr Aussehen. Sie war die beste der Klasse, bekam immer Einser und ließ es nicht zu, dass man sie nachahmte und ich erinnere mich nicht, dass sie mehr Verbindungen hatte als mit einer Kusine, die in die selbe Klasse ging und mit dem Mädchen, das die Nonnen für eine Schnepfe hielten, ein Mädchen, das sehr schüchtern war und mit dem niemand sich befreundete. Diese beschützte sie und war ihr behilflich und mit dieser Haltung zeigte sie, wohin ihr Lebensweg gehen sollte. Sie war intelligent, verantwortlich und solidarisch. Man holte sie von der Schule immer in einem der damals wenigen Cadillacs ab, die in den 50-er Jahren in Madrid zirkulierten. Wir bestaunten das Auto und auch ihren Vater, der manchmal mit dem Chauffeur mitkam, sie abzuholen, ein ziemlich alter Mann, um ihr Vater zu sein, jedenfalls erschien das uns damals so. So fiel sie außer durch ihre Schönheit und Intelligenz auch durch ihren sozialen Status auf. Ich glaube, die meisten von uns beneideten sie, jedoch wenn wir ihre Geschichte gekannt hätten, hätten wir wahrscheinlich nicht mit ihr tauschen wollen.

Als ich die Schule beendete, verlor ich sie aus den Augen, aber nach kurzer Zeit verbreiteten sich Gerüchte über sie und über ihre Familie, die in Madrid seit Jahren schon bekannt waren. Folgende Geschichte, könnte aus einem Zeitungsblatt vom 19. Jahrhundert sein. 1969 hörte ich wieder von ihr durch die Presse, dass sie zur Chefsektretärin von Adolfo Suárez ernannt wurde der damals Direktor der Radio Televisión Española war. 1976 berief sie Adolfo Suarez, der inzwischen Präsident der Spanischen Regierung geworden war, in das Amt der Direktorin seines Kabinetts, das sie ein Jahr danach wieder niederlegte, kurz vor den allgemeinen Wahlen. Bald tauchten Gerüchte auf, dass sie ihre steile Karriere Suarez verdankte, weil er ihr Geliebter war. außerdem unterstellte man ihr, dass sie ihre freundschaftlichen Beziehungen zum Königshaus politisch nutzte.

Mit diesem Posten, abgesehen von dem Klatsch, den sie heftig dementierte:" Niemals hätte ich ein Verhältnis mit einer verheirateten Person wie Suárez", hatte sie ein privilegiertes Amt und war die erste und einzige Frau, die solch einen Posten in der Regierung inne hatte, und bald war sie bekannt als "die Muse des Übergangs". Sie trug ohne Zweifel zum politischen Übergang zur Demokratie wesentlich bei. Sie hatte eine Zusammenkunft mit Santiago Carillo, dem Oberhaupt der kommunistischen Partei, der aus dem Exil nach Spanien zurückgekommen war. Diese Begegnung schlug ein wie eine Bombe, denn Santiago Carillo stellte für das halbe Spanien ein Übel dar. Er war der Urheber der Legalisierung dieser Partei, aber nach Meinung der Chronisten kostete dies ihr den Posten, da ja die Wahlen bevorstanden und diese Geste, wie es aus der Distanz erscheint, begünstigt durch Suarez und den König selbst, musste einen politischen Preis haben, den sie bezahlte. Mit der für sie charakteristischen Eleganz erkannte sie, dass für die Wahlen ein neutraleres Gesicht notwendig war. Ohne Zweifel beeinflusste das den König und Adolfo Suarez. Nachdem sie mit der Königsfamilie befreundet war, wurde ihr Eintritt ins Kabinett von Suarez, nach Meinung der Chronisten, durch das Königshaus favorisiert. Sie war immer unabhängig und unterwarf sich nicht den Regeln der Partei, weswegen ihre politische Karriere auch nicht, wie zu erwarten war, stets nach oben ging. Aber sie wollte immer ihren Prinzipien treu bleiben. Obwohl sie 1987 bei den Wahlen zum Europäischen Parlament für die CDS kandidierte, eine Partei des Zentrums, wechselte sie als Unabhängige zu den Sozialisten und wurde als Europaabgeordnete von 1989 bis 1994 wieder gewählt, und arbeitete in der Kommission für Umwelt. Als sie sich von den Europaabgeordneten verabschiedete, als sie ihr Amt niederlegte wegen einer Krebserkrankung, gab es im Parlament zum ersten Mal Einstimmigkeit ihr gegenüber und alle verabschiedeten sie mit stehendem Applaus, was verdeutlichte wie sie von allen Parlamentariern geschätzt wurde und sie ihren großen Wert erkannten.

In diesen Jahren verfolgte ich ihre Spur weniger, da das Europäische Parlament nicht auf den ersten Seiten in der Presse erscheint und als ich von ihrem Tod erfuhr war ich sehr überrascht, da sie noch nicht alt war, und von ihrer Krankheit hatte ich nichts erfahren. Ihr Ausspruch "Die Einsamkeit ist der Preis der Freiheit" ist inzwischen berühmt und spiegelt glänzend wider welchen Preis Frauen bezahlen müssen um in führende und verantwortliche Ämter berufen zu werden, jedoch bei ihr spielte außerdem ihr persönliches Drama mit.

Im vergangenen Jahr wurde ein Buch über ihr Leben veröffentlicht, geschrieben von der Journalistin Ana Romero, mit Interviews, die sie mit ihr gemacht hat und dem Tagebuch von Carmen, allerdings wurde es aus Rücksicht, vor dem Tod ihrer Mutter nicht publiziert. Das Buch hat den Titel "Die Geschichte von Carmen. Memoiren von Carmen Diez de Revera".

Ich kannte zwar ihre dramatische Geschichte aber war mir nicht ganz sicher ob sie stimmte und hoffte im Grunde dass von den Leuten Übertreibungen und Märchen verbreitet wurden, eine beeindruckende Geschichte, die mich immer noch beeindruckt. Sie hatte einen unglaublichen Mut,um ein Leben publik zu machen mit einigen schwierigen Episoden, und die sie zweifellos erzählte ohne jemanden zu beschuldigen oder ihm Vorwürfe zu machen, was zeigt, dass eine Frau vor uns ist mit großer innerer Kraft, mit außerordentlicher Güte und Intelligenz. Aber es zeigte sich eines Tages, dass sie ihre Vergangenheit nicht überwinden konnte, dass sie sie schwer belastete und dass ihr früher Tod nicht nur durch die Krankheit begründet war sondern auch durch einen so tiefen Schmerz, und sie sagte, als sie die Wahrheit über ihre Identität erfuhr " ich spürte, dass etwas in meinem Inneren kaputt gegangen war" … ein Geschwür wuchs in meinem Uterus das nach einigen Jahren 3 Kilo schwer war. Mir flog die Seele weg."

In diesem Buch erzählte sie, dass sie 1942 in Madrid geboren wurde, als Tochter des Marquese von Llanzol , ihre Mutter war Sonsoles de Rivera, eine wunderschöne Frau. Als sie klein war, war ihre Familie mit Ramón Serrano Suñer, ( der in Spanien als , der "große Schwager" bekannt war, verheiratet mit der jüngeren Schwester von Carmen Polo, der Ehefrau von Francisco Franco. Er war Außenminister in der Zeit des 2. Weltkriegs und Zeuge der Begegnung zwischen Franco und Hitler in Hendaya), und seiner Frau befreundet. Beide Familien verbrachten immer die Sommerferien zusammen und die Kinder wuchsen gemeinsam auf, was zur Folge hatte, dass sich Carmen ziemlich früh in den dritten Sohn von Serrano Soñer verliebte und mit siebzehn Jahren schon heiraten wollte. Als der Pfarrer, ein Freund der Familie beauftragt wurde, die Zeremonie vorzubereiten, wurde er von der Mutter alarmiert, dass die beiden auf keinen Fall heiraten können, da sie Geschwister wären, denn Carmen war die Frucht aus der Beziehung zwischen ihrer Mutter und Serano Suñer. Da war es nicht erstaunlich dass sie das Gefühl hatte, dass ihre Seele zerbrechen würde, in diesem Moment zerbrach ihr ganzes Leben.

Diese unglaubliche und dramatische Geschichte verbreitete sich in ganz Madrid, und scheinbar war das Liebespaar nichts diskretes und man erzählte sich, dass wenn jemand nach Serrano Suñer fragte, antwortete man, dass er gerade die Serrano hinaufgeht, ein Wortspiel, das besagt, dass die Marquese von Llanzol, Mutter von Carmen , in der Serrano Straße wohnte und dort haben sie sich immer getroffen. Als die Frau von Serrano von der Schwangerschaft der Geliebten ihres Mannes erfuhr, (es war scheinbar nicht sein erster Ehebruch), beschloss sie, wegen des sozialen Standes und ihrer Schönheit, ihre Schwester, die Frau vom inzwischen Generalissimo Franco in Kenntnis zu setzen. Dieser entließ ihn umgehend aus seinem Amt im Ministerium in dem er derzeitig den Vorsitz hatte. Daraufhin wurden die Beziehungen zwischen den Geliebten abgebrochen, jedoch nicht zwischen den beiden Familien.

Carmen erzählte weiter, dass sie nach der Episode mit dem Pfarrer ihren Verlobten weiter traf, dieser sie aber nirgend wohin mehr mitnahm und sie fühlte sich jedes Mal immer schlechter. Nachdem sie einige Schlafkuren gemacht hatte, beschloss sie in ein Kloster zu gehen. Dort hielt sie es allerdings nicht lange aus. Sie ging dann als Mitarbeiterin nach Costa de Marfil, wo sie als Lehrerin arbeitete. Als sie zurück nach Spanien kam, ging sie zu ihrer Mutter, aber diese warf sie hinaus und sie befand sich auf der Straße. Sie schlug sich durch als Versicherungsvertreterin, bis sie bei Adolfo Suárez zu arbeiten begann. Damit fingen aber wieder die Tratsch- und Gerüchteverbreitungen an, dieses Mal aber ohne jegliche Begründung. Sie sagte, dass das einzig sichere war, dass sie in ihren Memoiren die Wahrheit ihres Lebens bekannt hat.

In der Erzählung spricht sie ohne Hass gegen ihre Mutter und sagt, dass sie die Frucht der Liebe ihrer Eltern war. Sie spricht von ihren Vätern als dem Biologischen und dem anderen der während ihrer Kindheit und Jugend ihr Vater war. Sie wollte ihren biologischen Vater nach vielen Jahren wiedersehen und obwohl er sehr alt war, hat er sie scheinbar weiterhin das Kind genannt. Es ist erschütternd, dies zu lesen, vor allem, dass sie aus Liebe zu ihrem Vater ihn den Biologischen nannte, trotz der irreparablen Verletzung, die man ihr angetan hat. Obwohl sie nicht nachtragend ihren Eltern gegenüber war, wollte sie, dass man die Wahrheit dieser Geschichte wissen sollte und dass sie nicht nur Thema von Klatsch und Gerüchten war. Es ist sicher, dass sich die Zeiten sehr geändert haben, und wenn diese Episode auch in den 40-er Jahren ein Tabu-Thema war, und in der heutigen Zeit niemanden mehr erschreckt, ist sie durch das Drama der Umstände von zwei jungen Menschen, denen man auf solche Art die Situation erklärt hat, eine endgültige Markierung ihres Lebens. Wie sie erklärte, hat sich der Tumor im Uterus vergrößert und sich zum Krebs entwickelt, und von neuem schlug das Schicksal zu in ihrem Leben, auch noch wegen einem medizinischen Irrtum, den sie herausfand, als sie den Arzt befragte und dieser antwortete, dass er der Spezialist ist. Sie ließ sich trotz ihres Charakters überzeugen und die Krankheit schritt fort und wurde irreversibel. Sie stellte sich einmal mehr in ihrem Leben der Tragödie mit lobenswerter Tapferkeit, und gab eine Lektion des Mutes an alle. Mich wundert nicht, dass ein großer Politiker der 70-er Jahre von ihr sagte, dass sie "die wohltätige Fee war". Und ich würde hinzufügen, nicht nur in der Politik sondern im Leben im Allgemeinen.

Mairía Luisa Mataix (Alicante, Spanien)
Übersetzung: Brigitte Nguyen-Duong, Ulm

Auswahlseite