Ellen Ammann

Ellen Ammann
Geboren 1
870 in Stockholm, gestorben 1932


 Kurzbiografie

Ellen Ammann wird am 1. Juli 1870 als Ellen Sundström in einer protestantischen Familie in Stockholm geboren. Im Elternhaus erhält sie viele Anregungen zur geistigen Bildung und vor allem zur Frauenbewegung. Ihre Mutter, die 1881 heimlich zum Katholizismus konvertiert, erzieht Ellen und ihre Schwester – obwohl protestantisch getauft – im Geist der katholischen Kirche. Ellens Vater, ein Lehrer, schreibt nebenberuflich politische Leitartikel für das „Stock-holmer Dagbladet“. Nach dem frühen Tod des Vaters 1889 übernimmt die Mutter als erste Frau in Schweden den außenpolitischen Teil dieser Zeitung. Ellen Ammanns spätere Neigung, sich für die Belange von Frauen einzusetzen, liegt sicherlich in ihrer schwedischen Heimat begründet. Schweden, das als das Land der Frauenbewegung gilt, hat eine wesentlich fortschrittlichere Einstellung zur Frauenfrage. 

Nach dem Abitur an einer Höheren Mädchenschule will die historisch äußerst interessierte Ellen 1888 eigentlich ein Geschichtsstudium beginnen und Lehrerin für Geschichte und Sprachen werden. Auf Anraten ihres Vaters beginnt sie allerdings, die weltberühmte schwedische Heilgymnastik zu studieren. In dieser Zeit lernt sie den Münchner Orthopäden Dr. Ottmar Ammann kennen, der zur Weiterbildung in eben dieser Heilgymnastik in Stockholm ist und bei Familie Sundström zur Untermiete wohnt. Im Oktober 1890 heiraten beide in Stockholm; anschließend zieht die 20-Jährige mit ihm nach München. Ellen Ammann gewöhnt sich rasch ein und unterstützt ihren Mann tatkräftig in seiner orthopädischen Klinik; 18 Jahre lang leitet sie die hauswirtschaftliche Versorgung der Klinik. Trotz ihrer vielfältigen familiären Verpflichtungen – von 1892 bis 1903 schenkt sie sechs Kindern das Leben –, und obwohl im Hause Ammann immer wieder finanzielle Engpässe auftreten, engagiert sich Ellen Ammann stark ehrenamtlich im sozial-caritativen Bereich. So ist sie 1895 als 25-Jährige wesentlich an der Gründung des „Marianischen Mädchenschutzvereins“ (heute In Via – Katholische Mädchensozialarbeit) beteiligt. Dieser kümmert sich mit Zufluchtsheimen und Lehrkursen um junge Mädchen, die vom Land in die Stadt ziehen, um eine Arbeitsstelle zu finden. Die stadtunkundigen Landmädchen kommen häufig mit naiven Vorstellungen in München an. Oft werden sie schon am Bahnsteig von organisierten Händlerringen abgefangen. Ellen Ammann erkennt, dass die vorbeugende Sozialarbeit bereits am Ankunftsort Bahnhof einsetzen muss und gründet 1897 in Zusammenarbeit mit dem evangelischen Verein der „Freundinnen junger Mädchen“ in München die erste katholische Bahnhofsmission Deutschlands. 

Als Schwedin bringt Ellen Ammann ein großes Interesse an der Frauenbewegung mit und verfolgt aufmerksam alles, was Frauenbewegung betrifft. München ist neben Berlin und Hamburg um die Jahrhundertwende ein Zentrum der bürgerlichen Frauenbewegung. Ellen Ammann verfolgt das Engagement von Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, den beiden Vertreterinnen des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung, mit Hochachtung. Bis zu ihrem Tod bestehen gute persönliche Beziehungen zwischen den drei Frauen. Alle drei verfolgen ein großes gemeinsames Ziel: die bessere schulische und berufliche Bildung sowie die Gleichberechtigung von Mädchen und Frauen. In anderen Forderungen, wie denen nach dem Frauenwahlrecht, gehen die Meinungen dagegen auseinander.

Ellen Ammann ist der festen Überzeugung, dass auch katholische Frauen sich vernetzen und für ihre Rechte eintreten müssen. Bereits 1903 ist sie entschlossen, die katholischen Frauen in München zu einer großen Organisation zusammenzuschließen. Als sie erfährt, dass in Köln ein katholischer Frauenbund gegründet werden soll, wartet sie jedoch noch ab. Im Herbst 1904 bereitet sie die Gründung eines Münchner Zweigvereins vor. Am 17. Oktober 1904 schreibt Ellen Ammann in einem flammenden Aufruf „An die katholischen Frauen und Jungfrauen Münchens“: „Nur wer die Zeichen der Zeit gar nicht versteht, wer die Zusammenhänge der wirtschaftlichen und sozialen Bewegung unserer Zeit gar nicht kennt, kann die Notwendigkeit einer katholischen Frauenorganisation leugnen.“ Sie macht in diesem Aufruf auch deutlich, dass es ihr nicht darum geht, „sich der modernen Frauenbewegung ... entgegenzustämmen“, denn diese habe „soviel des Berechtigten und Notwendigen an sich, dass es nicht Aufgabe einer katholischen Frauenorganisation sein kann, derselben in den Rücken zu fallen und so Reformen zu vereiteln, welche kommen müssen“. Am 6. Dezember 1904 initiiert Ellen Ammann die Gründung des Münchner Zweigvereins des Katholischen Frauenbundes. 


In den Anfangsjahren bemüht sich der Katholische Frauenbund vor allem um die Verbesserung der Berufssituation von Heimarbeiterinnen, Dienstbotinnen und Kellnerinnen, denn diese drei Berufsgruppen zählen zu den eindeutigen Verliererinnen der industriellen Revolution. Ein weiterer Schwerpunkt der Arbeit des Katholischen Frauenbundes liegt in der Bildung von Frauen. Ellen Ammann wird sehr bald bewusst, dass Frauen für ihr verantwortungsvolles soziales und caritatives Engagement eine profunde Ausbildung benötigen. Im Herbst 1909 beginnt sie mit dem Aufbau der sozial-caritativen Frauenschule, der ältesten katholischen sozialen Frauenschule Deutschlands. Eine bahnbrechende Innovation in einer Zeit, in der Frauen jenseits des Lehrerinnenberufs kaum qualifizierende Berufsausbildungen angeboten werden. Ellen Ammann unterrichtet bis zu ihrem Tod im November 1932 einmal wöchentlich das Fach „Frauenfrage und Frauenbewegung“. 1971 wird die sozial-caritative Frauenschule in die Katholische Stiftungsfachhochschule München und Benediktbeuern integriert.

Nachdem Frauen im November 1918 im Zuge der Novemberrevolution das aktive und passive Wahlrecht erhalten, wird Ellen Ammann am 12. Januar 1919 als eine von sechs Frauen in den Bayerischen Landtag gewählt. Im Rahmen ihrer Abgeordnetentätigkeit kümmert sie sich vor allem um sozial- und gesundheitspolitische Themen. Ihre Arbeit als Abgeordnete fällt in eine politisch turbulente Zeit: neue Revolutionswellen, Kapp- und Hitlerputsch, häufige Wahlen und Kabinettsumbildungen, das Anwachsen des Nationalsozialismus. Gerade letzteres bereitet Ellen Ammann große Sorge. Im März 1923 führt sie zusammen mit acht weiteren Frauen, u. a. Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann, ein Gespräch mit dem damaligen bayerischen Innenminister Schweyer. Die Frauen tragen ihm die Ausschreitungen und widerrechtlichen Auftritte Hitlers und seiner gewalttätigen Gesetzesbrecher vor: „Wir fordern nicht weniger als die Ausweisung Hitlers aus Bayern.“ Hitler war als Österreicher Ausländer und nicht in Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit. Aber Schweyer verharmlost die Angelegenheit, und die Abordnung muss wieder erfolglos abziehen. Wenige Monate später, am 8. November 1923, versucht Hitler, sich an die Macht zu putschen. Ellen Ammann erfährt zufällig von seinem geplanten Coup und fühlt sich als Landtagsabgeordnete dazu verpflichtet, sofort Widerstand zu mobilisieren. Sie holt die erreichbaren Regierungs- und Parteimitglieder in die Räume der sozial-caritativen Frauenschule. Zusammen mit dem stellvertretenden Ministerpräsidenten und Kultusminister Franz Matt wird in dieser Nacht in einer Resolution an das bayerische Volk der Putsch von Hitler und Ludendorff als Staatsverbrechen verurteilt. Die Gruppe entschließt sich außerdem, den Regierungssitz von München nach Regensburg zu verlegen. Hitlers Marsch zur Feldherrnhalle am 9. November wird durch die Schüsse der bayerischen Landespolizei auseinandergetrieben. Ohne Ellen Ammann hätten Matt und die anderen Minister die Putschnacht verschlafen. Matt zollte später ihrem unerschrockenem Handeln Respekt: „Die Kollegin Ammann hatte damals mehr Mut bewiesen als manche Herren in Männerhosen.“ Das bestätigt auch Lida Gustava Heymann: „Aber der Hitlermarsch auf Berlin endete am 9. November vor der Feldherrnhalle in München. Daß dieses ganze, geradezu törichte Unterfangen nicht in einem furchtbaren Blutbade endete, sondern nach wenigen Stunden zusammenbrach, ist meines Erachtens auf die Initiative einer Frau, Ellen Ammann, bayrische Landtagsabgeordnete, zurückzuführen, die vorausschauend instinktiv und nach sicheren Anzeichen erkannte, daß sich eine Katastrophe vorbereitete, und daraufhin ihre Maßnahmen traf.“ In die Geschichtsbücher fand Ellen Ammanns mutiges Eingreifen allerdings keinen Eingang. Erst in den letzten Jahren wird in der Frauengeschichtsschreibung dieser historische Sachverhalt exakt dargelegt.

Neun Jahre nach dem Hitler-Putsch, am 22. November 1932, hält die sechsfache Mutter Ellen Ammann eine Landtagsrede zu Hilfsmaßnahmen für kinderreiche Familien. Sie fordert darin Hilfen bei der Wohnungssuche, eine Bevorzugung bei der Stellenvergabe, Schulgeldermäßigung usw. Kurz nach Mitternacht stirbt sie an den Folgen eines plötzlichen Schlaganfalls. An ihrer Beerdigung im Alten Südfriedhof nehmen Tausende von Trauergästen teil. Kurz nach ihrem Tod schreibt Marie Amelie von Godin, die mit Ellen Ammann seit der Gründung des Katholischen Frauenbundes 1904 in München eng zusammengearbeitet hat, deren Biographie nieder. 1933 lassen die Nationalsozialisten 60.000 Exemplare einstampfen. Man hatte nicht vergessen, dass Ellen Ammann 1923 maßgeblich an der Vereitelung des Hitlerputsches beteiligt war.

 Quellen und Literatur

Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes (Hrsg.): Neun Jahrzehnte starke Frauen in Bayern und der Pfalz. Chronik des Bayerischen Landesverbandes es Katholischen Deutschen Frauenbundes. München 2001. Zu bestellen bei: Bayerischer Landesverband des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Schraudolphstr. 1, 80799 München. E-Mail: info@frauenbund-bayern.de

Neboisa, Marianne: Ellen Ammann, geb. Sundström 1870 - 1932. Dokumentation und Interpretation eines diakonischen Frauenlebens. St. Ottilien: EOS Verlag 1992.

Bild: www.uni-ulm.de


Text erstellt von Dr. Gerlinde Wosgien, Archiv des Bayerischen Landesverbandes des Katholischen Deutschen Frauenbundes München

 Links

www.bautz.de/bbkl/a/ammann_e_a_e_m.shtml