"die Waffen nieder, sagt
es allen!"
Geboren am 9. Juni 1843 in Prag Gestorben
am 21. Juni 1914 in Wien
Als Tochter von Generalleutnant Graf von
Kinsky kommt Bertha im Palais Kinsky auf dem Altstädter Ring in Prag
zur Welt.
Ihr hochwohlgeborener Vater böhmischen
Uradels stirbt, ein halbes Jahrhundert älter als ihre Mutter, 74-jährig,
kurz vor ihrer Geburt.
Die Witwe, geborene von Körner, muß
mit den beiden Kindern, Bertha und ein sechs Jahre älterer Bruder,
zu ihrem Vormund nach Brünn ziehen. Dort erhält sie eine Apanage,
die vorläufig zum standesgemäßen Lebensunterhalt reicht.
Die Kinder haben im Umfeld ihres Vormunds, dem Landgrafen zu Fürstenberg,
kultivierte Bildungsmöglichkeiten in Literatur, Wissenschaften, Musik
und Sprachen, wovon Bertha eifrig Gebrauch macht. Mit sechzehn Jahren macht
Bertha ihre ersten schriftstellerischen Versuche. Die kleine Familie war
inzwischen nach Wien gezogen. Dort findet ein intensives Gesellschaftsleben
der Aristokraten statt. Bertha will dem Bälle- und Soireenzircus jedoch
entgehen, indem sie mit 18 Jahren den Heiratsantrag des 56-jährigen
Gustav Heine, einem jüngeren Bruder Heinrich Heines, annimmt. Die
Verbindung löst sie reumütig wieder kurz vor der Hochzeit. Auch
eine zweite Verbindung geht in die Brüche, als ihr Verlobter sich
als Heiratsschwindler entpuppt. Als Bertha 30 Jahre alt ist, hat ihre Mutter
mit ihrem gesellschaftlich aufwendigen und leichtsinnigen Lebenswandel
fast das ganze Erbe durchgebracht. Bertha entschließt sich,
eine Stellung als Erzieherin bei der Familie von Suttner anzunehmen. Sie
hat sich um die erwachsenen Kinder des Hauses zu kümmern, dabei entwickelt
sich eine tiefe gegenseitige Zuneigung zwischen ihr und dem jüngsten
Sohn Artur. Da ihr Geheimnis nicht mehr lange zu verbergen ist, muss sie
das Haus verlassen. Sie findet durch Annonce eine Anstellung als Sekretärin
bei Alfred Nobel, dem berühmten Erfinder des Dynamits in Paris. Dieser
beeindruckt sie tief mit seinem pazifistischen Gedanken: "..eine Waffe
zu schaffen, die so vernichtend auf die Menschheit wirkt, daß jegliches
Kriegsführen zur Unmöglichkeit wird."
Berthas Sehnsucht nach Artur von Suttner
wird aber so übermächtig, daß sie zurück nach Wien
reist, um Artur heimlich zu heiraten. Sie verstecken sich 9 Jahre lang
im Kaukasus, wo ihnen durch die Gastfreundschaft der Gräfin Ekatarina
Dedopali eine Wahlheimat geboten wird. Das junge Paar leidet während
des russisch-türkischen Krieges und den Folgen unter schweren Entbehrungen.
Ihren Unterhalt verdienen sie mühsam mit journalistischer Tätigkeit.
Unter dem männlichen Namen B.Oulot schickt Bertha feuilletonistische
Texte, zunächst über Land und Leute im Kaukasus, später
über ihre allgemeine Weltanschauung an deutsche und österreichische
Verlage und wird dafür erfolgreich honoriert. Sie entwickelt bei ihrer
Arbeit wissenschaftliche Ideen und setzt sich für den "Sozialdarwinismus"
ein, im Sinne von Ernst Haeckel "...daß der veredelte Mitbewerb
um die höheren Kulturgüter ...den blutigen Völkerkrieg verdrängen
werde". In "Inventarium einer Seele"sieht sie eine befriedete Welt
voraus. Der schriftstellerische Erfolg kann sie nun aus der Anonymität
heraustreten lassen. Nach dem Tod der Gräfin Dedopali,1885, reist
das Paar zurück nach Wien und wird bei den Eltern von Suttner auf
Schloß Harmersdorf bei Wien aufgenommen. Dort entwickeln sich
die wirtschaftlichen Verhältnisse aber sehr ungünstig. Bertha
ist weiter auf ihre schriftstellerische Tätigkeit angewiesen. Sie
muß ihre pazifistischen Gedanken mit viel Geschicklichkeit in gut
verkäufliche Romane einfließen lassen. Bei ihren gesellschaftlichen
Analysen beobachtet sie in der aristokratischen Schicht ein
"..seliges
Nichtwissen all der Dinge, die das Jahrhundert bewegen", wobei sie
den englischen Adel stolz findet, den französischen eitel und den
österreichischen hochmütig und stockkonservativ.
In "Maschinenzeitalter" hat sie
die Handlung in ein späteres Zeitalter neuer aufgeklärter
Weltanschauungen und geistig fortgeschrittener Evolution versetzt, und
läßt die Protagonisten mitleidig in die Epoche der noch
unzulänglich entwickelten Zivilisation zurückblicken.
Für die Gleichberechtigung der Frau
streitet sie in vielen Büchern und demonstriert vor allem in ihren
zahllosen Auftritten auf den Friedenskongressen an ihrem eigenen Beispiel
die Eigenverantwortlichkeit und Selbständigkeit einer Frau, die bereits
verwirklicht, wovon andere erst träumen. Was Frauenrechtlerinnen in
lauten und leisen Protesten einfordern, verköpert Bertha bereits im
Gelingen. Im Vorwort der dritten Auflage von Maschinenzeitalter,1898,
verweist die emanzipierte Autorin triumphierend auf einen gelungenen Test:
...es
sei eine Thatsache bewiesen worden, die in der Frauenfrage ein wichtiges
Argument ist, nämlich, daß es keine spezifische weibliche Art
zu schreiben und zu denken giebt, denn keiner unter den Kritikern hat das
Geschlecht des "Jemand" (ihr letztes anonym geschriebenes Buch)
erraten.
Der erste unter ihrem Namen erschienene
Roman:"Die Waffen nieder" beinhaltet nicht nur ihre provozierende
antimilitaristische Weltanschauung sondern verbreitet auch ihre neu
erworbenen Kenntnisse über die Ideen der Friedensbewegung. Der Roman
geht mit großem Erfolg hinaus in die Welt. Anerkennende Zuschriften
erhält sie von Berühmtheiten wie Alfred Nobel und Lew Tolstoj.
Ihr weiteres Leben spielt sich hauptsächlich
auf den Vortragspodien der Friedensgesellschaften ab, an den Rednerpulten
der Abgeordnetenhäuser auf denen geschrieben stand: "Zutritt
nur für Männer". 1891 wird Bertha zur Vorsitzenden der neu gegründetetn
österreichischen Friedensgesellschaft gewählt. Dank der Honorare
für ihre Bücher reist sie viel zu Vorträgen ins Ausland
und wird als Rednerin zum Weltfriedenskongress nach Rom eingeladen, der
in der Welt großes Aufsehen erregt. Nebenbei betreibt sie eine umfangreiche
journalistische Tätigkeit für eine große Anzahl bekannter
Blätter in Europa. Selbst gibt sie eine Monatsschrift "Die Waffen
nieder" zur Förderung der Friedens-Idee heraus. Man zählt
sie zur Avantgarde der weiblichen Berufseroberung in dieser Sparte. Zur
Jahrhundertwende wird sie neben Königin Luise, Queen Victoria und
George Sand in einer öffentlichen Umfrage zu einer der bedeutendsten
Frauen des Jahrhunderts gewählt.
Berthas Freund und großer Mäzen
der Friedensbewegung, Alfred Nobel, hinterläßt nach seinem Tod
1897 testamentarisch sein gesamtes Vermögen der Nobelstiftung:
einen jährlichen Preis für die Föderung des Friedens und
weitere vier Auszeichnungen für Naturwissenschaften und Literatur.
1901 wird der Preis zum ersten Mal an Henri Dunant, dem Gründer des
roten Kreuzes, verliehen. Vier Jahre später wird Bertha als erste
Frau vom Nobel-Komitee in Stockolm auserwählt, diesen Preis in Empfang
zu nehmen. Dadurch rückt sie erneut ins Blickfeld der ganzen Welt.
In ihrer Nobelpreisrede weist sie auf die Kriegsgefahr hin, die auf politischer
Ebene von allen Seiten droht,...durch Mißtrauen, Säbelrasseln,
Pressehetzen und fieberhaftem Aufrüsten der einzelnen Nationen....
und beschwört zuversichtlich die Zukunft: ...daß zwei Weltanschauungen
und zwei Zivilisationsepochen miteinander ringen werden, und daß
mitten unter dem krachenden Alten das verheißende Neue sich emporringt...Vom
amerikanischen Präsidenten Theodore Roosevelt kommen die versöhnlichen
Worte, nach denen es gelte ...die Zeit herbeizuführen, wo der Schiedsrichter
zwischen den Völkern nicht mehr das Schwert sein wird.
Weitere Reisen führen sie u. a. nach
Amerika, wo sie von den amerikanischen Frauenverbänden als das große
Aushängeschild der Emanzipation gefeiert wird. Überall sind die
Vortragssäle gefüllt bei ihrem Auftreten.
Die Friedwilligkeit der Völker wird
jedoch vom Nationalismus der Zeit überwältigt.
Ihre Kassandrarufe: "Die Waffen nieder,
sagt es allen!", kommen nicht mehr zu Gehör.Sie stirbt am 21.
Juni 1914 entkräftet an Magenkrebs, eine Woche vor der Ermordung des
österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajewo, und 6 Wochen vor Ausbruch
des 1. Weltkriegs.
Text: Brigitte Nguyen-Duong 2001
Quellen:
Steffahn, Harald: Bertha von Suttner.
Rororo 1998
Helm, Barbara: Bertha von Suttner,
in Philosophinnen Lexikon, Reclam Leipzig 1997
Literatur
Primärliteratur:
Bertha von Suttner: Die Waffen nieder!
Eine Lebensgeschichte, Berlin 1990
Bertha von Suttner: Es Löwos,
Eine Monographie, München 1885
Bertha von Suttner: Inventarium einer
Seele, Leipzig, 1883
Bertha von Suttner: High Live,
München 1886
Bertha von Suttner: Das Maschinenzeitalter.
Zukunftsvorlesungen über unsere Zeit. Dresden-
Leipzig 1899
Bertha von Suttner: Die Haager Friedenskonferenz.
Tagebuchblätter. Dresden 1900
Bertha von Suttner: Aus der Werkstatt
des Pazifismus. Leipzig 1912
Bertha von Suttner: Die Barbarisierung
der Luft. Berlin 1912
Sekundärliteratur:
Fried, Alfred Hermann: Bertha von Suttner.
Leipzig 1908
Hamann, Brigitte: Bertha von Suttner.
Ein Leben für den Frieden. München 1996
Steffahn, Harald: Bertha von Suttner.
Rororo 1998
Bild: www.buchkritik.at
Aufsatz Carmen Stadelhofer

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