Ottilie Baader
eine Kämpferin für die Rechte der Frauen

geb.1847 in Frankfurt/Oder ;  gest.1925



 Kurzbiografie

Die Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland wird naturgemäß vorwiegend mit Frauennamen in Verbindung gebracht. Sei es Louise Otto - Peters, Auguste Schmidt, Gertrud Bäumer, Helene Lange und wie sie alle hießen. Gemeinsam ist ihnen, daß sie aus gutbürgerlichen Familien - z. T. sogar aus adligen Familien - stammen, eine liberale Erziehung genossen und sich aus den unterschiedlichsten Gründen in der Frauenbewegung engagierten.

Weniger bekannt ist, daß auch Frauen aus Arbeiterkreisen in der Frauenbewegung tätig waren. Als Beispiel soll hier Ottilie Baader angeführt werden.

Ottilie Baader wurde als zweites von 4 Kindern 1847 in Frankfurt a.d. Oder geboren. Sie hatte noch zwei Schwestern und einen Bruder. Ihren Vater beschreibt sie in ihrer Biographie als Arbeiter, der eine "bessere" Schule besucht hatte. Dies habe ihr später viel genutzt. Er arbeitete als Zuckerscheider in einer Zuckerfabrik. Die hierfür notwendigen chemischen Kenntnisse hatte er sich selbst beigebracht. Ihre Mutter beschreibt sie als eine fleißige Frau, von der sie nie ein scharfes Wort gehört habe. Sie habe für die Zuckerfabrik Preßtücher genäht.

Als O. Baader sieben Jahre alt war, starb ihre Mutter. In ihrer Biographie schreibt sie: Das erste aber war, daß ich die tote Mutter waschen und ihr die Haube aufsetzen mußte. Die Leute kamen und nannten mich ein gutes Kind, und niemand wußte, welches Grauen mir war vor der Unbegreiflichkeit des Todes.

Der Vater heiratete nicht wieder und eine Wirtschafterin konnte er sich nicht leisten. Da sie etwa eine Meile außerhalb Frankfurts wohnten, konnte O. Baader lange keine Schule besuchen. Ihre Eltern brachten ihr Grundkenntnisse im Lesen, Rechnen und Schreiben bei. Mit 10 Jahren kam sie dann doch in eine Schule und wurde aufgrund ihrer Vorkenntnisse in die 3. Klasse eingestuft. Als sie 13 Jahre alt war, zog die Familie nach Berlin, und damit entfiel der Schulbesuch wieder. Ottilie Baader mußte mitverdienen und arbeitete als Wäschenäherin. Sie wechselte später in eine Wollfabrik, wo sie unter besonders gesundheitsgefährdenden und auch gefährlichen Umständen arbeiten mußte. Eine Arbeitsschicht dauerte 12 Stunden und von Donnerstag auf Freitag wurde zusätzlich eine Nachtschicht eingeschoben. Hier arbeitete sie 2 Jahre. Danach war sie Mantelnäherin und ging später in eine Wäschefabrik. Hier wurde schon mit Nähmaschinen gearbeitet, wobei das vernähte Garn und die zerbrochenen Nadeln vom Lohn abgezogen wurden. Durch den dtsch. / frz. Krieg 1870 / 71 stockte der Wäscheabsatz, und der Unternehmer stellte die Arbeiterinnen vor die Wahl: Entlassung oder Weiterarbeit zum halben Lohn bei weiterhin vollem Abzug der "Nebenkosten". Die Arbeiterinnen arbeiteten versuchsweise eine Woche für den halben Lohn weigerten sich dann jedoch dies auch weiterhin zu tun. Ottilie Baader spielte bei diesen Verhandlungen eine führende Rolle und wurde mit zwei weiteren Arbeiterinnen beauftragt dem Chef diesen Entschluß mitzuteilen. Der Firmeninhaber gab nach, Ottilie Baader hatte jedoch seitdem unter seinen Repressalien zu leiden. Darauf kündigt sie, kaufte sich eine eigene Nähmaschine und nähte Kragen und Manschetten in Heimarbeit. Ihre Arbeitszeit ging von 6:00 bis 24:00 Uhr bei einer Mittagspause von 1 Stunde. Ihr Vater wurde später arbeitsunfähig. Sie hat ihn 20 Jahre unterhalten. Eine Schwester und ein Bruder waren verheiratet. Dem Bruder starb die erste Frau, worauf sie seine Tochter betreute. Nachdem er wieder geheiratet hatte, starb er. Daraufhin betreute sie die Tochter und seine 2 Söhne, da die Schwägerin arbeiten mußte, um die Kinder ernähren zu können.

Im dem von Lina Morgenstern gegründeten Arbeiterverein nahm Ottilie Baader an Kursen in Deutsch, Rechnen und Schreiben teil. Diese fanden sonntags am Vormittag statt. Zu Lebzeiten ihres Vaters las sie mit ihm gemeinsam Karl Marx' "Das Kapital". Sie hörte auch von Versammlungen der Sozialdemokraten, die sie besuchte, und die ihr sehr gefielen. In einer Versammlung der Schäftearbeiter wurde sie aufgefordert zu den Ausführungen der Vorredner das Wort zu ergreifen. Dies tat sie mit soviel Erfolg, daß diese Rede in der Zeitung erwähnt wurde. Ihr Vater, der eigentlich gegen eine politische Betätigung seiner Tochter war, war danach sehr stolz auf sie. Sie las später auch das Buch von August Bebel: Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das sie sehr beeindruckte und ihre weitere Arbeit stark beeinflußte.

Man muß hierbei bedenken, daß Frauen zu dieser Zeit nicht nur unter dem sog. Sozialistengesetz (1878 - 1890) sondern in besonderer Weise auch noch unter der "Verordnung über die Verhütung eines, die gesetzliche Freiheit und Ordnung gefährdenden Mißbrauchs des Versammlungs- und Vereinsrechts" vom 11 März 1850 zu leiden hatten. Hierin war es u.a. verboten, daß "Frauenspersonen" Mitglied eines politischen Vereins waren und selbst die Teilnahme an Versammlungen war ihnen untersagt. Dies Gesetz wurde erst 1908 aufgehoben.

Ottilie Baader wurde in der Sozialdemokratie sehr aktiv. Um 1890 wurde durch Wilhelm Liebknecht die Arbeiterbildungsschule gegründet. Ottilie Baader war eine von 2 Frauen im Vorstand dieser Schule. 1895 wurde sie weibliche Vertrauensperson der SPD im Wahlkreis 4. Diese Vertrauenspersonen hatten die Aufgabe unter Berücksichtigung (oder Umgehung) der jeweils in den Ländern geltenden Vereinsgesetze die Verbindung zu den der SPD nahestehenden Frauen herzustellen und Forderungskataloge zu erarbeiten, die von der Fraktion der SPD im Reichstag eingebracht werden sollten. 1895 hielt sie ein öffentliches Referat zur Frage des Frauenwahlrechts. 1897 war sie Delegierte auf dem Hamburger Parteitag und wurde 1899 zentrale weibliche Vertrauensperson der SPD für frauenspezifische Aktivitäten in der SPD. Von 1904 bis 1908 war dies ein besoldeter Posten. 1908 trat sie von dem Posten der zentralen Vertrauensperson zurück. Über ihr weiteres privates und politisches Leben wird in ihrer Biographie nichts mehr gesagt.

Ottilie Baader beschreibt in ihrer Biographie die häufigen Schikanen durch die Polizei. Es kam häufig zu Anklagen und auch zu Verurteilungen. Von sich selbst beschreibt sie folgende Episode:

Im Dezember 1893 hatte ich in Reinickendorf einen Vortrag über den eben mit einem Sieg der Arbeiterschaft beendeten englischen Kohlenarbeiterstreik gehalten. Ich erhielt eine Anklage und wurde zu 100 Mark Geldstrafe verurteilt, weil ich nach Angabe des überwachenden Beamten zur Gewaltanwendung aufgefordert habe. In der Urteilsbegründung heißt es:

Die Angeklagte mag wohl "geistige Waffen" gemeint und bei denjenigen ihrer Zuhörer, welche ihr folgen konnten, eine gleiche Auffassung erzeugt haben, aber die große Menge der Zuhörer steht auf dem gleichen Bildungsniveau wie der Gendarm, bei welchem sie die andere Auffassung hervorgehoben hat.

Text erstellt von Peter Joksch 1999


 Quellen und Literatur


Vorlesung an der Uni Hagen zum Thema:"Deutschland zur Zeit des Kaiserreichs; Frauengeschichte, theoretische Ansätze und thematische Einführung am Beispiel des 19. Jahrhunderts."  Autorin: Dr.  Dorothea Wierling.
 
Ein steiniger Weg; Lebenserinnerungen einer Sozialistin; Dietz, Berlin - Bonn 1979; Nachdruck

Helwig, Gisela: Wege zur Gleichberechtigung, in: Information zur politischen Bildung 254; 1. Quartal 1997; S. 3 - 15; hier S. 11
 
Bild: ingo.exphysik.uni-leipzig.de


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