Anneke,Franziska Mathilde

Mathilde Franziska Anneke, geb. Giesler
"Wisset, nicht der Krieg hat mich gerufen, sondern die Liebe, - aber ich gestehe es Euch - auch der Hass, der glühende, im Kampf des Lebens erzeugte Hass gegen die Tyrannen und Unterdrücker der heiligen Menschenrechte".

geb. 3.4.1817 in Oberlevinghausen bei Blankenstein, gest.25.November 1884 in Milwaukee/USA


 Kurzbiografie


Mathilde Franziska Anneke mußte eine Reihe schlechter Erfahrungen machen, bis sie zur sozialistisch-feministischen Frauenrechtlerin wurde. Als Tochter eines Gutsverwalters in aller Freiheit aufgewachsen, konnte sie sich später nicht in die Konvenienzehe fügen, die sie 19jährig eingehen mußte, als ihr Vater in Geldschwierigkeiten geriet. Gesellschaftlich gesehen hatte  sie durch ihre "Hinaufheirat" in den rheinländischen Adel ihr großes Glück gemacht. Um so empörter reagierten diese Kreise, als sie ihr angebliches Glück mit Füßen trat und schon nach einem Jahr Ehe und der Geburt einer Tochter die Scheidung von dem Weinhändler Alfred von Tabouillot einreichte. Zwar war das Scheidungsrecht seit 1794 gesetzlich verankert, aber die Tatsache, daß eine Frau davon Gebrauch machte, schockierte.

Der Preis ihrer persönlichen Freiheit war hochgesellschaftliche Ächtung, Armut und ein zermürbender Kampf mit den Behörden, die den Scheidungsprozess 7 Jahre lang verschleppten. Schließlich endete der Prozess mit der Schuldzuweisung an den Ehemann und der Gewährung eines geringen Unterhaltsgeldes, von dem sie kaum leben konnte. So war Mathilde gezwungen, für sich und das Kind selbst zu sorgen, was nicht einfach war in einer Zeit, die bürgerliche Frauen von fast allen Berufen ausschloss. Die Wurzeln ihres Kampfes für die Rechte der Frau sind hier zu suchen:" Nach dem Ausgang eines unglücklichen Scheidungsprozesses meiner ersten Ehe - worin ich Opfer der preußischen Justiz wurde, war ich zum Bewußtsein gekommen und zur Erkenntnis, daß die Lage der Frau eine absurde und der Entwürdigung der Menschheit  gleichbedeutende sei." (zit. nach Henkel/Taubert).

Von entscheidender Bedeutung war die zunehmende Bereitschaft Mathildes, ihr passives Leiden an den frauenfeindlichen Umständen in aktive Änderungsversuche umzusetzen.

1847 gab sie die Schrift: " Das Weib in Conflict mit den socialen Verhältnissen", heraus, die Bezug nimmt auf   Louise Aston, die unter dem Vorwurf, nicht an Gott zu glauben, aus Berlin ausgewiesen worden war. Vor allem ist das Traktat jedoch das Resultat von Mathildes eigener Auseinandersetzung  mit der Religion. Unmittelbar nach der Scheidung hatte sie, bis zu ihrer Entdeckung, daß der kirchliche Dogmatismus nicht wenig zur Festigung der gesellschaftlichen Vormachtstellung der Männer beitrug, selber noch Trost im Glauben gesucht. Nun brach sie mit der Religion und schrieb in das katholische Gebetbuch für Frauen, das sie - damals noch tiefgläubig - selbst herausgegeben hatte, das Motto: "Von den Göttern, die der Mensch in seiner Not erschuf."
Den Unterhalt für sich und die kleine Tochter verdiente Mathilde Franziska Anneke mit dem Schreiben von Artikeln für die wichtigsten liberalen Blätter des Vormärz: die Kölnische Zeitung und die Augsburger Allgemeine Zeitung. In einer Gruppe freiheitlich denkender Männer, zu der auch Karl Marx (1818-1883) und Ferdinand Freiligrath (1810-1876) gehörten, lernte sie den ehem. Offizier Fritz Anneke (1818-1872) kennen, der wegen seiner politischen Ansichten aus der Armee entlassen worden war. Die beiden heirateten und ließen sich in Köln nieder, wo sie zum Mittelpunkt revolutionär gesinnter Männer und Frauen wurden und einen kommunistisch-ästhetischen Klub gründeten, aus dem die bis dahin größte Arbeiterorganisation, der "Kölner Arbeiterverein" hervorging.  Nachdem Fritz Anneke im Juli 1848 von den preußischen Behörden wegen seiner staatsgefährdenden Agitation verhaftet worden war, übernahm die hochschwangere Mathilde die Redaktion seiner  "Neuen Kölnischen Zeitung (NKZ), die sich auf ihre Anregung hin speziell an die Arbeiterklasse wandte. Als Karl Marx 1849 aus Köln ausgewiesen wurde und die Neue Rheinische Zeitung einstellen mußte, empfahl er seinen Lesern das Blatt Mathildes, das jedoch wegen seiner Radikalität bald verboten wurde. Dies brachte Mathilde nicht in Verlegenheit: Sie führte es kurzerhand unter dem Namen "Frauen-Zeitung" weiter. Aber schon die dritte Nummer wurde beschlagnahmt.

Im Frühjahr 1849 beteiligte sich Fritz Anneke nach seiner Haftentlassung an den letzten revolutionären Erhebungen in der Pfalz. Mathilde, von Kind auf eine gute Reiterin, begleitete ihn auf die  Schlachtfelder. Karikaturen der Zeit verspotteten sie als "Mannweib" hoch zu Ross und mit Brille, obwohl sie nie Brillenträgerin war.

Nach dem gescheiterten Kampf um die Reichsverfassung emigrierte Mathilde nach Milwaukee (USA) und setzte sich sofort neue Ziele: Sie gab eine  "Deutsche  Frauen-Zeitung"  heraus.

Während Mathilde Franziska Anneke in der Geschichte der amerikanischen Frauenbewegung einen Ehrenplatz erhielt, wurde ihre Bedeutung für die Frühgeschichte der deutschen Frauenemanzipation oft verkannt. So bezeichnete Clara Zetkin sie abschätzig als Amazone der Revolution und sah in ihr ein Anhängsel Fritz Annekes. Mathildes Auffassung, daß die soziale Frage erst nach der vollen Gleichstellung der Frau zu lösen sei, mag bei dieser negativen Beurteilung ausschlaggebend gewesen sein.


Text: Mathilde Block 1999

 Quellen und Literatur

Hermes Handlexikon - Geschichte der Frauenemanzipation in Deutschland und Österreich von  Daniela Weiland (Hrsg.) 1983.

Primär Literatur:

M.F.Anneke, Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzug. Newark 1853, Neuauflage, tende, 1982.
 

M.F.Anneke, Die gebrochenen Ketten, Erzählungen, Reportagen und Reden 1861 - 1873, Stuttgarter Nachdrucke zur Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts, Akademischer Verlag Stuttgart, 1983, (18,- DM)

Sekundär Literatur:

M.Henkel/R.Taubert, Das Weib im Conflict mit den socialen Verhältnissen. Mathilde Franziska Anneke und die deutsche Frauenzeitung. Bochum 1976

M.Wagner, Mathilde, Franziska Anneke in Selbstzeugnissen und Dokumenten. Ffm 1980

R.Möhrmann(HG), Frauenemanzipation im Deutschen Vormärz.Texte und Dokumente. Stg-1978

Bild: www.frauenmediaturm.de