Héloïse

Geliebte und Nonne

"Durch die Anmut deiner Weisen ... vor allem seufzten die Frauen in Liebe zu dir ...und so klang mein Name in kurzem weit hinaus in die Lande und weckte in vielen Frauen die Eifersucht..."

Heloise

geboren zwischen 1099 und 1101, wahrscheinlich in Paris gestorben 1164
im Kloster Le Paraclet/Nogent sur Seine.


 Geschichtlicher Hintergrund

Das Ende des 11. und die erste Hälfte des 12. Jahrhunderts ist eine Zeit großer Umbrüche. In Europa tobt der Streit zwischen weltlicher und kirchlicher Machtbefugnis - der Investiturstreit zwischen dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich IV (Gang von Canossa) und Papst Gregor VII ; zwischen Frankreich und England wird um die Vorherrschaft innerhalb Frankreichs gerungen.
Die Kirche bemüht sich um die religiöse Erneuerung der Mönchsorden und der gesamten Priesterschaft (Zölibat=Ehelosigkeit / Simonie=Ämterkauf / Laieninvestitur)

Zwischen Orient und Abendland bahnen sich Konflikte an

  • einerseits durch das Vordringen des Christentums in muslimische Gebiete des Mittelmeerraumes
  • andrerseits durch die Eroberung Jerusalems von den Seldschuken (Mongolenstamm)

Dies wird zum Anlaß für den Beginn der ersten beiden Kreuzzüge (1096-99 und 1147-49) und für die religiöse, politische und kulturelle Auseinandersetzung mit islamischen Einflüssen, woraus sich wiederum für Zentraleuropa ein Entwicklungsschub im wirtschaftlichen und technischen Bereich (Ackerbau, Handel, Architektur) ergibt.
Wir erkennen den kulturellen Übergang vom Zeitalter der "Romanik" in das Zeitalter der "Gotik" und das Entstehen einer neuen Bewusstseinsform. Das Zentrum dieser Entwicklung liegt im Gebiet um Paris (Ile de France).
Wir erleben die ersten Manifestationen der Individualität in der Kunst

 Kurzbiografie

Sie ist zwischen 1099 und 1101 wahrscheinlich in Paris geboren. Zeit, Ort und Eltern sind nicht genau bekannt. Im 16. Jh. erhebt das alte Adelsgeschlecht der Montmorency Anspruch auf eine Familienzugehörigkeit Héloises.
Sie wird als Waise im Kloster Argenteuil erzogen (1102-1116), wo sie die Lateinschule besucht. Sie wird als "ungewöhnlich gelehrsam" beschrieben.
Ab 1117 lebt sie im Haus ihres Onkels und Vormundes, des Kanonikus Fulbert, und erhält Unterricht durch Abälard, dem damals bereits berühmten Lehrer für Theologie an der Pariser Domschule aus der die spätere Universität Sorbonne hervorging. Sie studierten zusammen die antiken Autoren und die Kirchenväter.
Er ist 21 Jahre älter und wird ihr Geliebter. Als Héloise 1118 schwanger wird, entführt Abälard sie in die Bretagne ins Haus seiner Schwester (in Le Palais bei Nantes).
Dort wird der Sohn Peter Astrolabius geboren, vermutlich identisch mit einem später so benannten Chorherren der Kathedrale von Nantes.
Als die - wohl aus Karrieregründen - heimlich geschlossene Ehe bekannt wird , wird Héloise ins Frauenkloster Argenteuil gebracht und Abaelard im Auftrag der Familie Fulberts kastriert.
1119 wird Héloise gezwungen, die Profess in Argenteuil abzulegen. Abälard tritt als Mönch ins Kloster St. Denis ein und lässt sich zum Priester weihen.
Etwa um 1125 wird Héloise die Priorin des Klosters Argenteuil. Vier Jahre später meldet der Abt von St. Denis, Suger, Besitzansprüche auf Argenteuil an und vertreibt die Nonnen (1129).
Daraufhin schenkt Abälard Héloise und ihren Nonnen die von ihm 7 Jahre vorher erworbene Eremitage mit dem Kloster St. Paraclet bei Nogent-sur-Seine. Innozenz II bestätigt die Schenkung . Abälard wird der ökonomische und geistliche Betreuer und fördert die Einrich-tung eines eigenständigen Nonnenklosters (1131-33).
Bernard de Clairvaux klagt Abälard wegen seiner Lehre der Scholastik an und belegt ihn mit
Lehrverbot und Kirchenbann. Zermürbt stirbt Abälard 1142. Héloise lässt seinen Leichnam in
das Kloster Le Paraclet überführen. Durch ihre Korrespondenz mit Abälard mit mehreren großen Äbten dieser Zeit.Aber auch durch ihre Lyrik, von der wir leider kaum gesicherte Beispiele haben, hat Héloise sich einen Namen gemacht.
1147 erhält sie durch Papst Eugen III für ihren Konvent die Bestätigung eines umfangreichen Grundbesitzes
Hèloise stirbt 1164. Sie wird an der Seite ihres Mannes in Paraklet beigesetzt.
1817 erhalten beide ihr Grabmal auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise.

Spiegelung ihres Schicksals im Werk Abälards

Héloise wäre vielleicht trotz ihrer literarischen und religionsphilosophischen Tätigkeit ins Dunkel der Geschichte zurückgefallen, hätte sie nicht einen ungeheuren Einfluss auf das Werk des berühmten Abälards gehabt.
Die ältesten Codices stammen aus dem Ende des 13. Jh. - aber erst im 17. Jh. wurde der Briefdialog zwischen den beiden im lateinischen Original herausgegeben (1616). Seine Echtheit wurde teilweise angezweifelt ; sein bzw. ihre Liebesdichtung ist entweder nicht erhalten oder nicht identifiziert.
Der Briefdialog wurde ausgelöst durch seinen Rechenschaftsbericht (" Historia calamitatum mearum" - die Geschichte meines Unglücks) , der zu einem ausgedehnten literarischen Ge-dankenaustausch führte, in dem es immer wieder um die Frage der körperlichen und geistigen Liebe geht und um die Frage der Verinnerlichung und Vergeistigung der Sittlichkeit.
Abälard wird so zum Gründer der Scholastik und mit Franz von Assisi zum großen Künder der christlichen Liebe.
Er stellt die Gewissensfreiheit an erste Stelle. Die Stimme des Gewissens ist die Norm des göttlichen Willens.
Diese Betonung des natürlichen Sittengesetzes (lex naturalis) konnte nur auf der Grundlage der persönlichen Bindung an Héloise sich entwickeln.
Héloises hervorragende Stellung im Geistesleben wurde von den großen Äbten ihrer Zeit immer wieder hervorgehoben (Suger von St.Denis, Hugo Metellus von Toul, Petrus Venerabilis von Cluny).
Sie gibt in diesem Briefwechsel ein Selbstporträt mit dem Treue-Bekenntnis zur einmal getroffenen Liebeswahl.

Der Niederschlag in der Literatur

Héloise stellt innerhalb der mittelalterliche Frauendichtung die theologisch-philosophische Vertreterin dar.
Einige Jahrzehnte vor ihr hatte die Nonne Konstanze vom Kloster Le Ronceray in Angers bereits die "Heroides" (Ovids Liebesklagen der Heroinen) nachempfunden und Versepisteln gewechselt mit dem Abt Baudoin von Borgueil .
Im 13. Jh. beginnt mit dem Rosenroman (Jean de Meung) die Heroisierung der Frauenliebe für die Héloise ein Vorbild wird: die selbstbewusste Liebeswahl, die freie Partnerschaft, die der Ehe gegenübergestellt wird.
In der weiteren Literatur lassen sich Petrarca (Besteigung des Mont Ventoux) und später Jean Jacques Rousseau (La Nouvelle Héloise / 1704) von diesem Gedanken faszinieren. In der Romantik wird dieses Motiv neu entdeckt durch Hofmann von Hofmanns-Waldau (Heldenbriefe) und durch die Verarbeitung des Briefwechsels in der englischen Literatur (z.B. durch Pope: Eloisa to Abaelard).
Héloise wurde zum Inbegriff der schrankenlos Liebenden : die Reinheit des Gewissens begründet das Recht auf Liebe und Leidenschaft.

 Quellen und Literatur

Krautz Hans Wolfgang:
Abaelard; Der Briefwechsel mit Heloisa (Reclam 1989) Sekundärliteratur:

Bäumer Gertrud:
Studien über Frauen

Brost Eberhard:
Abaelard und Heloisa; Die Leidensgeschichte und der Briefwechsel

Wiss. Buchges. 1984

Innes-Parker, Dr., Catherine: Medieval Studies - Women Writers of the Middle Ages
Krautz Hans Wolfgang: Abaelard; Der Briefwechsel mit Heloisa (Reclam 1989)
Menzel Marianne: Die großen Frauen der Geschichte (Weltbild Verlag 2001)
Pernoud Régine :Heloise und Abaelard; Ein Frauenschicksal im Mittelalter dtv 1994 (Übersetz. aus Franz. v. Claire Barthélemy-Höfer/Frank Höfer)
Rinser Luise: Abaelards Liebe Frkf./Main 1991

Bild: historymedren.about.com

 Links

http://www.fordham.edu/halsall/source/heloise1.html

Auswahlseite